„Glücksburg“ von Naomi Oelker

Im vergangenen Dezember schrieb ich die Kurzgeschichte Glücksburg. Solltest Du Dich inhaltlich überraschen lassen wollen, möchte ich Dich bitten, zuerst die Geschichte zu lesen. Wenn Dich bereits einige Einblicke in den Aufbau und in die Leitmotive dieser Kurzgeschichte interessieren, lies gerne weiter.


Kurzgeschichte lesen


Wenige Tage, nachdem ich meine Kurzgeschichte fertiggestellt hatte, stand ich – wie kann es anders sein – an der gewohnten Bushaltestelle. Gerade, als der Bus Anstalten machte, vor mir zu halten, schaute ich hinab auf mein Busfahrtengeld, um es zum wiederholten Mal zu überprüfen. Dabei fiel mein Blick auf eine winzig kleine weiße Feder, die sich an meinem Ärmel verfangen hatte. Es handelte sich jedoch nicht um eine Vogelfeder, sondern um eine jener Federn, die sich in Kleidungsstücken befinden, um diese zu polstern und vor Kälte zu schützen.

Nicht so sehr aufgrund der Überraschung, sondern vielmehr aufgrund des tiefen Glücks, das ich in meiner Brust verspürte, traten mir kleine, geperlte Tränen in die Augen. Zufälle gibt es nicht. Es war die Bestätigung für die Richtigkeit meiner Kurzgeschichte. Und sie rührte mich bis ins Mark.

Verfangene weiße Feder
Mit ein wenig Aufmerksamkeit erkennen wir all die kleinen Botschaften, die sich in hübschen, Interesse weckenden Motiven um uns herum verteilen.

Das dreigeteilte Konstrukt

Strukturell gesehen lässt sich die Kurzgeschichte in dreierlei Teile separieren, die wiederum dreigeteilt sind: Es gibt den ersten Teil, in dem Protagonistin Tanya auf den Bus wartet. Im zweiten Teil wird die Busfahrt beschrieben und bei dem dritten Teil handelt es sich um ihren Fußweg zum Ziel.

  • Während die Protagonistin auf den Bus wartet, geschehen im Groben drei Dinge: Ein Kind verfolgt eine Taube, die Protagonistin bereitet sich mit dem Zücken ihres Fünfeuroscheins auf die Ankunft des Busses vor und zum Schluss fällt ihr der Schokoriegel aus der Hand.
  • Im Bus wird die Verwandlung der Umgebung durch den „wie verwandelten“ Busfahrer eingeleitet und durch die nun „verwischenden Konturen“ hinter der Fensterscheibe in Gang gesetzt. Zunächst ist der Protagonistin noch der „Tunnelblick“ eigen. Erst das Gespräch mit einem Fremden stößt die Wandlung an, sodass sie kurz vor dem Ausstieg ein ehrliches Lächeln zustande bringt.
  • Auf dem Weg zum Zielort ist es schließlich die Protagonistin, die hinfällt, nicht der Schokoriegel. Im weiteren Verlauf gibt sie das Restgeld ihres Fünfeuroscheins ab und zum Schluss wird sie selbst verfolgt. All diese Ereignisse spiegeln den ersten Teil der Kurzgeschichte und werden durch eine weiße Feder markiert, die (1) vor einem Ereignis, (2) inmitten eines Ereignisses und (3) nach einem Ereignis auftritt.

Neben der Struktur wird die Geschichte durch zwei signifikante Leitmotive motiviert: durch die Zeit und die Furcht vor derselben.

Zeit: ein (Un-)Grund zur Furcht

Der Zeitfaktor zieht sich durch die gesamte Kurzgeschichte: Zunächst wartet die Protagonistin ungeduldig auf den Bus und fürchtet sich, zu spät zu kommen. Während der Busfahrt hält die Nervosität an und gleichsam ist die Zeit Thema ihrer Unterhaltung, die sie im Bus führt. Nach ihrem Ausstieg lässt sie sich Zeit, die Eindrücke ihrer Umgebung zu genießen. Und erst beim Erreichen ihres Ziels wird sie durch ihre Freundin Rika darauf aufmerksam gemacht, dass sie zeitig ist.

Tatsächlich hat sie genau dann „alle Zeit der Welt“, wenn sie den Zeitdruck völlig vergisst und „aktiv am Leben teilnimmt“. Nämlich genau so, wie es ihr der Fremde im Bus geraten hat.

Die Angst wird direkt mit der Zeit verknüpft. Sie fürchtet sich nicht nur davor, zu spät zu kommen, sondern ebenso, den Termin einzuhalten und die neue Wohnung zu besichtigen, was sie einen Schritt näher ins Unbekannte führen würde. Somit handelt es sich nicht nur um die Angst, einen bekannten Ort gegen einen unbekannten einzutauschen, sondern ebenfalls an diesem unbekannten Ort zukünftig bleiben zu müssen. Die Ungewissheit lässt sie buchstäblich straucheln.

Der Wechsel ihrer Umgebung, der durch den Bus erst ermöglicht und durch die ungeklärte Niederlassung auf die Spitze getrieben wird, mildert ihre Angst vor dem Neuen jedoch ab und zeigt ihr, welch ein Glück der neue Ort namens „Glücksburg“ zu bieten hat. Ihre Ängste muss Tanya allerdings selbst überwinden. Es bedarf lediglich einer Banalität, um sie über ihre eigene Paranoia lachen zu lassen. Dies verdeutlicht, wie überflüssig ihre anfängliche Furcht ist. Entwicklung ist Teil der menschlichen Natur und unumgänglich, wie die Busfahrt zeigt.

Eingeflochtene Besonderheiten

Neben all diesen Dingen, die in der Kurzgeschichte zu finden sind, möchte ich auf drei weitere Elemente eingehen, die ich in meinem kleinen Werk verarbeitet habe.

Um die Offenheit der Protagonistin zu gewährleisten und sie sowohl auf geistiger sowie körperlicher Ebene „rein“ zu halten, ist es nötig, dass ihr der Schokoriegel aus der Hand fällt, noch bevor sie hineinbeißen kann. Die lange Wartezeit hat sie hungrig werden lassen. Ihr Magen ist somit leer und wird nicht durch die ungesunde Schokolade vergiftet. Im Inneren ist somit „Platz“ für Neues.

Im ersten Teil wendet sich die Protagonistin von der Herausforderung des Windes ab, der ihr das Haar aus dem Gesicht fegt. Erst beim Aussteigen des Busses – nach der vollzogenen Verwandlung – ist sie in der Lage, sich dem Wind zu stellen und ihn nicht mehr als etwas Kaltes, Ungemütliches zu sehen, sondern als etwas Wunderschönes, Aufregendes.

Die Verfolgung der Protagonistin kommt plötzlich und findet kurz vor Erreichen ihres Ziels statt. Nachdem sie sich beschwingt gefühlt hat, kommen jetzt ihre Ängste zum Vorschein, denn ihre Gedanken wandern zu ihrem Zielort. Die plötzliche Dunkelheit, die trotzdem nicht „die unterschiedlichsten Interpretationen, die an die Wände projiziert werden,“ verhindern kann, spiegelt das Dunkel ihrer eigenen Gefühle und Konflikte wider. Erst ein banaler Gedanke schafft es, sie einen Moment lang abzulenken und ihr zu zeigen, wie unnötig ihre Sorgen eigentlich sind.

Die Stars der Geschichte: die Tauben

Obwohl die Tauben als Federlieferant und Stadtlebewesen ideale Kandidaten für den Job des Anstubsers sind, sind dies nicht die Gründe dafür, weshalb ich mich für sie entschieden habe. Um ehrlich zu sein, liebe ich Tauben. Ich beobachte sie gerne, wenn ich selbst auf den Bus warte und besonders die Aachener Tauben scheinen mir zutrauliche, freundliche und teils sehr intelligente Lebewesen zu sein.

Wenn sie sich erst einmal davon überzeugt haben, dass Du ihnen nichts Böses willst, kommen sie sehr nahe heran, picken ihr Mittagessen auf und manchmal schauen sie Dich in voller Erwartungshaltung an (was ich ganz entzückend finde). Dementsprechend gehöre auch ich zu jenen Menschen, die langsamer werden oder sogar ganz stehen bleiben, wenn eine Taube gerade den Weg blockiert und diesen nicht direkt freigibt.

Offen bleibt die Frage, inwiefern die weißköpfige Taube ins Geschehen eingreift und ob sie etwas mit der Wandlung zu tun hat, die Tanya erst zur Bewusstwerdung verhilft. Meiner Meinung nach beeinflussen wir uns alle gegenseitig. Dabei meine ich nicht nur uns Menschen, sondern auch die Tiere, die pflanzliche Natur und sogar von Menschen geschaffene Objekte. So gesehen war die Taube zur richtigen Zeit am richtigen Ort, um Tanya die nötige Aufmerksamkeit zu entlocken. An Zufälle glaube ich jedoch nicht. Gerne sehe ich die Taube hier als Botin Jahwehs.

Der Zauber weißer Federn

Was mir die weißen Federn bedeuten, lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Sie sind himmlische Boten, die mich trösten, mir Antworten bestätigen und mir Eingebungen ermöglichen.

Wenn ich nacheinander auf drei weiße Federn stoße, bedeutet das generell, dass zeitnah etwas Positives geschehen wird. Oft handelt es sich dabei um wunderbare Begegnungen mit anderen Menschen. Manchmal beruhigen sie mich auch, bspw. dann, wenn ich wie auf Kohlen sitze und ein Paket erwarte (und es dann noch am selben Tag eintrifft). Sie können jedoch ebenso eine Idee bekräftigen, die ich zuvor noch nicht zu formen wagte.

Einzelne weiße Federn sind Kurzantworten auf Gedanken oder direkte Tore zu Eingebungen. Einmal lief ich einem Raucher hinterher und bekam den gesamten rußigen Schwall ins Gesicht geblasen. Ich musste unmittelbar husten und dachte mir etwas Ähnliches wie „Ugh“. Eine weiß bis gräuliche Feder, die mir während dieses Vorfalls ins Blickfeld hüpfte, ließ mich ein leises Kichern mit einem deutlichen „JA“ vernehmen.

Welche Zeichen verzaubern Dich?

Was bedeuten Dir die weißen Federn, die Du in Stadt und Wald antriffst? Gibt es für Dich andere Botschafter? Wenn Du das nächste Mal an einem Deiner Lieblingswege entlangschlenderst, achte auf die kleinen Hinweise, die Dich kurzzeitig in ihren Bann ziehen. Sie könnten Dir nützen!

Über Naomi

Schon während meines Masterstudiums in Literatur- und Sprachwissenschaft begann ich, meine ersten Ideen zu präzisieren und meine Begeisterung in das wundersame Terrain der Spiritualität fließen zu lassen. Parallel zu meiner damaligen Tätigkeit als kreative Texterin entdeckte ich schnell die Brücke, die Kreativität und Spiritualität miteinander verbindet. Heute habe ich meinem Herzenswunsch nachgegeben und lebe mein kreatives Dasein sowohl als Volontärin in der Verlagsredaktion als auch bei der Umsetzung meiner eigenen Visionen, Ideen und Flausen, wie Du unschwer erkennen kannst! ;-)

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