Glücksburg: eine symbolische Kurzgeschichte

Meine Kurzgeschichte Glücksburg entstand im Dezember des vergangenen Jahres 2018. Es war schon immer mein Wunsch, die kleinen Gesten und vermeintlich unscheinbaren Symbole und Stolpersteine in den Vordergrund zu stellen. Zu dieser Zeit war der Drang jedoch besonders stark und ich fühlte, dass ich die in mir aufkeimenden Gedanken an einem konkreten und mir bekannten Ort darzustellen hatte. Zusammen mit den Symbolen und liebevollen Anstubsern, die mir selbst täglich begegnen: den Tauben und ihren Federn.

Dabei handelt es sich bei dieser Geschichte weder um einen chronologischen Erfahrungsbericht, noch um ein reines, zusammengewürfeltes Fantasiegebilde. Stattdessen mündet sie in den Bereich der Realität – wie wir Menschen ihn gerne nennen – und steuert durch ein wenig Alltagsmagie eine ganz bestimmte Verwandlung an: die Bewusstwerdung. Wenn Du meine Geschichte mithilfe des konstruierten Hintergrunds genießen willst, kannst Du dies gerne tun. Ansonsten wünsche ich Dir viel Vergnügen bei Deiner Reise in (m)eine alternative „Realität“!


Verfangene weiße Feder

In das monotone Durcheinander …

… des Straßenverkehrs mischt sich der spitze Schrei eines Kindes. Laut brüllend jagt es eine Taube über den Platz, die es gewagt hat, die heruntergefallene Fritte schneller vom Boden aufzupicken als ihr Verfolger. Obwohl sich die Taube fürchten muss, weicht sie mit ungeahnter Geschwindigkeit allen sporadisch aufsprudelnden Wasserfontänen des Elisenbrunnens aus und behält ihr Haupt dabei stets erhoben. Läge die Fritte nicht so verbissen in ihrem Schnabel, wäre sicher ein breites Grinsen zu erkennen.

Sie ist hübsch, denke ich, bevor mich ein wütendes Hupen aus den Gedanken reißt. Mit hektischen Armbewegungen bedeute ich dem Busfahrer, dass ich nicht auf ihn warte und er weiterfahren soll. Seinen Gesichtsausdruck kann ich nicht genau deuten, doch sein Winken wirkt verärgert. Vorausgesetzt, es ist ein Winken.

Das Kind hat die Verfolgungsjagd bereits aufgegeben, als ich mich nach dem kühnen Dieb umsehe. Ich erkenne die Taube unter ihresgleichen an ihrem weiß gefiederten Kopf, die Farbe wie mit einem Spritzbeutel zittrig über ihren Rücken gezogen. Gurrend läuft sie zwischen den anderen kleinen Körpern umher, plustert sich kampfeslustig auf und macht ihren Artgenossen diverse Snacks der Kategorie „Fast Food“ streitig, die ich von meiner Position aus nicht bestimmen kann. Und will.

Ein eisiger Wind fegt mir die Haare aus dem Gesicht. Eine Herausforderung, von der ich mich abwende: Fröstelnd vergrabe ich meine Hände in den Ärmeln meines Mantels und ziehe meine Schultern hoch zu meinen Ohrläppchen. Der Bus sollte schon längst eingetroffen sein. Warum muss er sich gerade heute verspäten? Darauf hoffend, dass er doch bald um die Ecke biegt, ziehe ich mir die Handtasche auf den Schoß und fische mein Portemonnaie heraus. Mist. Kein Kleingeld. Dann muss es eben der Fünfeuroschein sein. Ich verstaue ihn in meiner Manteltasche und ignoriere das flaue Gefühl in meiner Magengegend, indem ich meine Aufmerksamkeit wieder auf die Taube richte.

Wie auf Schatzsuche bahnt sich die in Weiß getunkte Taube ihren Weg in meine Richtung. Hoch konzentriert lässt sie ihren Kopf von Mal zu Mal in die Ritzen des Pflasters niedersausen, bis sie schließlich meine Sitzbank erreicht. Ich wage es nicht, mich zu bewegen, als sie mich argwöhnisch beäugt. „Ich tue Dir nichts.“ Die geflüsterten Worte entspringen meinen Lippen, noch bevor ich weiß, dass ich sie sagen will. Ihr Kopf liegt nun schief und so, wie sie mich mustert, frage ich mich, ob sie womöglich den Schokoriegel wittert, den ich insgeheim mit mir herumschleppe. Daher lege auch ich meinen Kopf schief und warte auf eine Reaktion. Na? Stattdessen streckt die Taube ihren Schwanz erneut in die Höhe und fährt ungerührt mit der Verköstigung fort. Den Gefahrentest habe ich wohl bestanden.

Mein Magen grummelt. Ich werde noch verhungern. Widerwillig greife ich nach dem Schokoriegel in meiner Tasche. Eigentlich ist er als Notfallvorsorge gedacht. Ein erneutes Magengrummeln bedeutet mir, dass es sich definitiv um einen Notfall handelt. Umständlich mache ich mich am Verpackungspapier zu schaffen. In einem verzweifelten Versuch, den Riegel vom Papier zu lösen, trenne ich einen Teil des Riegels ab, der in hohem Bogen auf dem Pflaster landet.

Es dauert keine zwei Sekunden und die ersten Tauben balgen sich bereits um das zerquetschte Stück Schokolade. „Langsam erkenne ich das Geschäftsmodell“, knurre ich, als mein Blick erneut auf die Taube in Weiß fällt. Es wundert mich nicht, dass sie das unappetitliche Leckerli bereits verputzt hat, als ich den Schokoriegel auf meinen Mund zuschmuggele. Mit regem Interesse für den Rest der Kost giert jetzt nicht nur ein Augenpaar zu mir hinauf, sondern fünf. „Ihr braucht mich gar nicht so anzustarren“, versuche ich im Halbgrinsen meine Autorität zu wahren. „Ich sehe nicht ein, warum ich mein Grundbedürfnis hintenanstellen soll!“ Das sage ich lauter, als ich es vorhabe. Eine Frau mit ihrem Dackel auf dem Arm wirft mir einen verächtlichen Blick zu. Ein junger Mann mit Kappe tut es ihr nach, nachdem er seinen Blick sogar von seinem Smartphone gelöst hat.

Ich will mir gerade diesen wohlverteidigten Bissen gönnen, als mich ein erneutes Hupen aus der Vertiefung reißt. Vor Schreck lasse ich gleich den ganzen Riegel fallen, auf den sich die Tauben sofort stürzen. Gruselig. Als hätten sie Superkräfte … oder so. Ich springe auf, greife nach meiner Handtasche und renne auf die 52 zu.

„Sie wissen schon, dass ich nicht alle Zeit der Welt habe, nicht wahr“, höre ich die tiefe Stimme des Busfahrers mir entgegenrufen. Ihre Verspätung lässt anderes vermuten. Ich blicke ihn kurz an, ohne ihm tatsächlich in die Augen zu sehen, nicke nur und krame nach meinem Geldschein, den ich ihm aushändige. Am Restgeld verschwendet er keinen Kommentar. Gerade richte ich meinen Tunnelblick auf das Innere des Busses aus und will mich gedanklich einem kleinen Fluch in seine Richtung widmen, da ruft er mir wie verwandelt hinterher: „Haben Sie einen schönen Tag, junge Dame!“ Mist. Ich ringe mir ein erzwungenes Lächeln ab und ärgere mich gleichzeitig über seine plötzliche Freundlichkeit und mein negatives Naturell.

Von dem Wunsch erfüllt, so viel Abstand wie möglich zwischen den Busfahrer und mich zu bringen, suche ich mir einen Platz im hinteren Teil des Busses. Die Wärme der Busheizung, die sich an meinen klammen Gliedern hinaufarbeitet, und das fiebrige Summen des Motors, das das Knurren meines Magens übertönt, machen meine Welt sofort erträglicher. Ich sehe auf meine Uhr. Die Fahrt wird achtzehn Minuten dauern. Ich verspäte mich also um elf Minuten. Der Bus setzt sich bei den ersten Regentropfen in Bewegung. Vor meinem Auge verwischen die klaren Konturen der Menschen auf dem Bürgersteig und gleiten in hoher Geschwindigkeit hinter der Scheibe an mir vorüber.

Die erste Haltestelle bemerke ich erst, als sich der Bus mit Stimmen und Leibern füllt und sich ein Konglomerat aus Regenjacken, Regenschirmen, zerzausten Haaren und feucht-fröhlichem Geplapper bildet. Aus der bunten Konstruktion bricht ein Segment heraus und hinterlässt eine unsaubere Lücke, als sich ein bärtiger Mann um die Dreißig neben mich setzt.

„Was für ein Sauwetter“, beginnt er das Gespräch mit einem breiten Grinsen. „Ist auch nicht ganz mein Geschmack.“ Mit einem knappen Lächeln drehe ich mich wieder dem Fenster zu. Unmissverständlich. „Ach wissen Sie“, fährt er fort, „ich denke, dass uns der Regen ganz gut tut. Holt uns aus dem Alltagstrott.“ Ich wage es nicht zu antworten und schon gar nicht, mich ihm zuzuwenden. Vielleicht hört er dann ganz von allein auf. Plötzlich läuft es mir kalt über den Rücken: Was, wenn neben mir ein Psychopath sitzt? „Ich bin kein Stalker oder so“, antwortet er unverblümt auf meinen Gedanken. Schock. Ich blinzele und drehe mich um: „Wie bitte?“ „So, wie Sie sich auf Ihrem Sitz versteifen, müssen Sie ja das Schlimmste von mir denken.“ Sein Gesichtsausdruck gibt nichts preis. Er wartet.

„Was soll ich denn von Ihnen denken?“, frage ich gedehnt, wachsam. „Dass ich jemand bin, der den Wink mit dem Zaunpfahl mit einem Wink des Schicksals verwechselt. Schön, Sie kennenzulernen!“ Der sitzt. Ich lache laut auf. „Wir nehmen unsere Mitmenschen viel zu selten wahr“, beteuert er. „Die meisten Leute sind eben gestresst.“ „Das“, erwidert er, „liegt daran, dass sie vielmehr damit beschäftigt sind, die Zeit zu studieren anstatt aktiv am Leben teilzunehmen.“ „Wie meinen Sie das?“ „Na, Termine, Arbeit … Was jedoch wirklich zählt, sind der Austausch und die kleinen Gesten …“ „Also bewusst zu leben.“ „Genau! Betrachten Sie die Welt einfach mal mit anderen Augen.“

„Da muss ich raus“, rufe ich unvermittelt und drücke hastig den Halteknopf, bevor ich meinen Einsatz verpassen kann. „Entschuldigen Sie!“ Er lacht. „Glücksburg. Hübscher Ortsname … Moment, ich lasse Sie raus“, fügt er mit einem weiteren Lachen hinzu. „Vielen Dank.“ Ich drehe mich ein letztes Mal in seine Richtung: „Es hat mich sehr gefreut.“ Wir lächeln uns gegenseitig an und auch beim Ausstieg lächele ich, denn ich merke, dass ich es ernst gemeint habe.

Dieses Mal macht mir der Wind nichts aus, als er noch feucht vom verflossenen Regen mit eisigen Zungen an meinem Ohr entlangfährt und meine Haut erschaudern lässt. Die Haare schlagen mir ins Gesicht und verbreiten einen Duft nach Aprikosen. Warme Sonnenstrahlen bahnen sich ihren Weg durch mein blondes Haar und für einen Moment wölbt sich die Welt in warmen Pastelltönen, deren gleißendes Licht in schillernden Reflexionen erblüht.

Als ich mir die Haare aus dem Gesicht streiche, wirkt die Stadt selbst wie ein Regenbogen. Die Farben springen zwischen den Gebäuden hin und her, lecken an deren Fassaden und tanzen mir zum Gruße entgegen. Ich fühle eine gewisse Aufregung in mir keimen und kann mein kleines Abenteuer kaum erwarten. Meine Beine bewegen sich automatisch über den Bürgersteig. Woher kommt bloß diese Energie?

In meiner Begeisterung für das großartige Farbenspiel, das sich vor mir erstreckt, bemerke ich den Bordstein nicht, der direkt vor meinen Füßen auftaucht. Ich strauchele und kann mein Gleichgewicht nur wenige Sekunden halten, bis ich schließlich auf meinen Händen lande und gezwungen bin, auf den Straßenablauf zu schauen, in dem sich eine weiße Feder verfangen hat. Der Wind wiegt sie hin und her, ohne ihr jedoch die Freiheit zu schenken. Ihre leuchtend weiße Oberfläche pulsiert. Wie sonderbar.

„Oh, Liebes, kann ich Ihnen helfen? Haben Sie sich verletzt?“ Beschämt blicke ich zu der Stimme über mir. „Ich denke, mir geht es gut. Wohl etwas ungeschickt.“ Offensichtlich. „Ach, das haben wir gleich“, sagt die Frau vergnügt. Sie greift nach meinen Armen und zieht mich mit einem Ruck hoch. Jetzt auf Augenhöhe blicke ich in die strahlenden Augen einer Dame mittleren Alters mit langen braunen Haaren und Lachfältchen. „Vielen Dank“, sage ich erstaunt. „Gern geschehen! Passen Sie gut auf sich auf, Kind“, mahnt sie mich. „Das werde ich.“ In der Tat sonderbar.

Entlang des Weges folge ich den rosaroten Lichteinflüssen, die dem Blau der Stadt frische Violetttöne versetzen. Tief atme ich die würzigen Düfte der Bäckerei ein, die ich passiere, und lausche dabei dem Spiel eines Straßenmusikers, der seinem umstehenden Publikum mit seinem Akkordeon eine spektakuläre Darbietung liefert. Abseits hofft ein Bettler auf eine Spende. Ich fröstele und grabe meine Hände tiefer in meine Manteltasche. Dabei bemerke ich das Restgeld meiner Busfahrt. Ein Zufall?

Ich gebe mir einen Ruck, gehe zu dem Bettler herüber und werfe ihm die Münzen in den Becher. Eine weiße Feder, die dort Zuflucht gesucht haben muss, steigt bei der Erschütterung in die Lüfte empor und lässt sich vom Wind zu einem neuen Ziel tragen. „Da-a-anke“, entnehme ich seinem verblüfften Stammeln. „Gern geschehen.“ Beschwingt wende ich mich der Gasse zu, die mich zu meinem eigenen Ziel führt.

Die Sonnenstrahlen brechen kurz nach Betreten der Gasse ab. Trotz des mangelnden Lichteinfalls spielen auch hier die Farben miteinander und projizieren die unterschiedlichsten Interpretationen an die Wände. Es umgibt mich eine flache Stille, die durch ein zweites Paar Schritte abgeschnitten wird.

Etwas, das sich wie ein breites Gummiband anfühlt, legt sich heiß um meine Kehle. Ich versuche, mich umzudrehen, doch mein Kopf will mir den Blick über die Schulter nicht gewähren. Ich stolpere vorwärts und versuche verzweifelt, mich aus der Schlinge zu befreien. Doch ich kann sie mit meinen Händen nicht ertasten. Die Schritte werden lauter und schreiten schneller voran. Tak. Tak. Tak. Mein Kopf fühlt sich an, als sei er mit Watte gefüllt. Es gibt nur einen Gedanken, der sich durch die rohe Masse meines Gehirns frisst: Ich schaffe es nicht. Überwältigende Angst packt mich, als zögen tausende Klauen an mir, meine Haut aufreißend, mein Fleisch entblößend und fest entschlossen, ihre gesamte Kraft zu bündeln. Um mich auf die Knie zu zwingen.

Und plötzlich muss ich an etwas anderes denken: Nicht die Knie! Die sind doch so empfindlich. Das leise Lachen, das sich aus meiner Kehle in die Freiheit zu bohren versucht, lockert das Band meiner Angst und mit einem letzten mühsamen Schritt lande ich auf der Hauptstraße.

Keuchend stütze ich meine Hände auf den Oberschenkeln ab. Dabei fällt mein Blick auf meinen Ärmel, von dem ich eine weiße Feder zupfe. Gerade, als mir eine Taube ins Blickfeld hüpft, die ich sofort an ihrem teilweise weißen Gefieder erkenne. Sie legt den Kopf schief und sieht mir dabei direkt in die Augen, während sie ein warmes Gurren ausstößt. Und da begreife ich, dass es all die Male nicht ihre Federn gewesen sind, die mich geleitet haben, sondern meine eigenen. Ich selbst habe diese Glücksmomente geschaffen und mich am Ende von meiner Angst befreit.

Hinter mir erklingen jene Schritte, denen ich gerade noch entkommen bin. Ich habe keine Zeit zu reagieren, als jemand meine Schulter packt und ich innerlich zusammenfahre. „Tanya, wir haben nur noch drei Minuten“, drängt Rika, die Freundin, die ich treffen sollte, um eine Wohnung zu besichtigen. „Was? Wie viel Uhr ist es?“ „Kurz vor zwei.“ Wie habe ich das denn geschafft?

Da fällt mir meine Unterhaltung im Bus wieder ein. „Er hatte recht. Zeit spielt keine Rolle, sondern das, was wir mit ihr anstellen“, murmele ich. „Also, das hätte ich Dir auch vorher sagen können“, grinst Rika und bewegt sich bereits auf das Gebäude zu, in dem sich womöglich meine Zukunft befindet. Es ist Zeit für meinen Sprung ins Ungewisse.

Ich blicke mich noch einmal um, doch die Taube ist verschwunden. Vermutlich ist sie bereits auf der Jagd nach dem nächsten Stück Schokolade.

Über Naomi

Schon während meines Masterstudiums in Literatur- und Sprachwissenschaft begann ich, meine ersten Ideen zu präzisieren und meine Begeisterung in das wundersame Terrain der Spiritualität fließen zu lassen. Parallel zu meiner damaligen Tätigkeit als kreative Texterin entdeckte ich schnell die Brücke, die Kreativität und Spiritualität miteinander verbindet. Heute habe ich meinem Herzenswunsch nachgegeben und lebe mein kreatives Dasein sowohl als Volontärin in der Verlagsredaktion als auch bei der Umsetzung meiner eigenen Visionen, Ideen und Flausen, wie Du unschwer erkennen kannst! ;-)

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