Puls der Gegenwart – Teil 1

Darians Beförderung verspricht nicht nur ein besseres Gehalt, sondern soll auch mit weniger Risiken verbunden sein. Besonders reizt ihn die Nähe zu seinem heimlichen Schwarm. Doch wie sich schnell herausstellt, unterscheiden sich seine Vorstellungen bei Weitem von der Realität. Frustriert wirft er sich in seinen Alltag, bis er durch eine unüberlegte Reaktion seinerseits den Puls der Gegenwart berührt.


Fliegenpilze

„Du mieser Wicht! Das ist …

mein Pilz!“ Eine Ohrfeige reißt Darian entzwei. Wenn sein Kopf zuvor von einem Rauschen umgeben war, so fühlt es sich jetzt an, als hätte man ihm seinen Geist aus dem Körper geprügelt und an einer anderen, fremden Stelle wieder eingepflanzt. Gerne wäre er noch einmal zu dem Augenblick zurückgekehrt, in dem die Entscheidung gefallen war, seine Augen zu öffnen, doch dafür ist es längst zu spät. Ein in sich geschlossenes – und nicht zuletzt ihn einschließendes – Gefüge aus Mustern, deren Farben pulsieren und ineinanderfließen, verwischt seine Sicht. Die kleinste Bewegung verursacht eine schmerzhafte Verdrehung seiner Augäpfel. Angestrengt kneift er seine Lider wieder zu, woraufhin ihn eine weitere Ohrfeige mit unheimlicher Zielsicherheit trifft und seinen Blick in eine neue Richtung zwingt. Eine Furie, ist sein erster Gedanke. Eine geflügelte Furie, sein zweiter. Was zur Hölle ist das?

„Du wagst es, von der Hölle zu sprechen? Du hast sie geradewegs zu mir gebracht!“ Mit einem wütenden Schnauben kommt die Furie gefährlich nahe und vor Darians Augen schlagen tausend bunte Blitze ein. Allein die Intensität ihrer Farben zersetzt seine Gedanken. Hölle. Woher … „Ich habe nichts von einer Hölle gesagt“, bringt Darian stockend hervor. Sogleich zuckt er zusammen. Wessen Stimme ist das? „Und ob Du etwas davon gesagt hast! Fürchterlich laut sogar!“ In meinen Gedanken … „Ich höre alles!“

Eine verwirrend lange Minute fixiert das geflügelte Wesen Darian mit dem bösartigsten Blick, zu dem selbst seine Chefin nicht in der Lage gewesen wäre, bis jegliche Geduld in der Luft zu zerplatzen droht. „Erkläre Dich, Wicht! Was zum Knollenblätterpilz hat Dich dazu veranlasst, mein Heim zu zerstören?“ Darian blinzelt. Heim. Er blinzelt erneut, noch immer bemüht, den auf ihn zustürzenden, unnatürlichen Rhythmus aufzuhalten, der in ihm einzukehren versucht. Heim. Endlich formt sich ein Gedanke und er versteht. „Aus keinem bestimmten Grund.“ Wie blöd. „So dumm!“, bestätigt das kleine Geschöpf und flattert viel zu schnell auf seine Nase zu. Sein Kopf dreht sich erneut. „Nenn mir den wahren Grund!“ Er zögert, als seine Gedanken wieder wie blutige Anfänger zu balancieren beginnen. Aus einem Impuls heraus, dessen Sinn in der Warteschleife festzustecken scheint, sprudelt es schließlich aus ihm heraus: „Es ist doch alles Scheiße auf dieser Welt!“ Es bleibt keine Zeit, Luft zu holen. Das Wesen spuckt ihm mitten ins Gesicht. „Dummer Wicht! Den wahren Grund, habe ich gesagt!“


Darian überquerte die Straße …

… wie an jedem x-beliebigen Morgen. Nicht in Windeseile, sondern in einem Tempo, bei dem selbst jedes Großmütterchen mit Leidenschaft die Hupe betätigt hätte. Er konnte nicht gegen das Gefühl ankämpfen, das sich ihm bei jedem Schritt auf die Brust drängte und ihn kaum atmen ließ. Dieser Unwille, der ihn erfüllte, machte ihn rasend und seine Gedanken wanderten unweigerlich zu den langen Stunden, die ihm bevorstanden. Zunächst war da seine Chefin, deren innerer Vulkan nicht zu brodeln, sondern Eissplitter zu spucken schien. Selbst Pompeji hätte keine Chance gehabt, hätte sie sich nur ein anderes Zeitalter ausgesucht. Und dann war da natürlich seine Arbeit, die ihm so ganz und gar keine Glücksgefühle abzuringen vermochte. Dabei lag das Problem nicht an der Arbeit selbst oder gar an ihrer Sinnhaftigkeit, sondern darin, dass sich niemand die Mühe machte, sie zu verwerten.

Als man ihn vor wenigen Monaten befördert hatte, hatte man ihn vor einen Rechner gesetzt und ihm gezeigt, wie er Kundendaten analysierte und für geeignete Verkaufsstrategien erschloss. Warum nicht, hatte er sich gedacht. Endlich sollten seine Finanzen ein wenig mehr zu bieten haben als zuvor. Leider hatte man ihm verschwiegen, dass mit der Beförderung eine neue Gehaltsklasse auf ihn wartete und sein monatlicher Gewinn den Betrag von fünfzig Euro nicht übersteigen sollte. Und die gingen für die Kippen drauf, von denen er jetzt viel häufiger welche brauchte. Sein Arbeitsalltag gestaltete sich insgesamt unbefriedigend. Von den täglichen Schikanen dieser hochnäsigen Sesselpupser ganz zu schweigen. Ja, warum auch nicht.

Sein einziger Lichtblick war die hübsche Brünette, die im Marketing arbeitete. Schon vor seiner Beförderung hatte er ihr geschmeidiges Auftreten bewundert und sich gefragt, ob sie ihn auch hin und wieder aus den Augenwinkeln betrachtete. Es war bedauerlich, dass sie – jetzt, wo sie durch denselben Eingang das Gebäude betraten – nie miteinander zu tun hatten. Auch wenn sie sich im Gang begegneten, wagte sie es nie, ihm in die Augen zu sehen. Es war ihr leicht anzusehen, dass auch sie sich nicht allzu wohl in ihrer Haut fühlte. Gerne hätte er etwas dagegen unternommen.

Viel zu schnell befand sich Darian an jener Tür, an der er die Brünette das erste Mal gesehen hatte. Damals hätte er nichts lieber getan, als ihr durch diesen Eingang zu folgen. Heute musste er seinen gesamten Mut zusammennehmen, um seine Hand an den Knauf zu legen und zuzudrücken. Geht doch. Nach einem unmerklichen Klicken rollte ihm ein nur allzu bekannter Geruch entgegen, den er schlicht „Büro“ schimpfte. Er stieg die Treppe hinauf, die vor ihm auftauche, und war beinahe stolz, dass er es schaffte, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Noch eine Stufe und noch eine.

Jetzt stand nur noch eine Tür zwischen ihm und seinem Schreibtisch. Ein Kinderspiel. Es waren schon so viele Monate vergangen. Auf einen weiteren Tag kommt es auch nicht an. Er konnte sich keinen Reim darauf machen, warum er fühlte, wie er fühlte. Stattdessen sollte er froh sein, dass er überhaupt einen Job hatte, der obendrein nicht einmal gefährlich war. Ändern konnte er ohnehin nichts an seiner Situation. Also sog er scharf die stickige Luft ein, die sich im Obergeschoss angestaut hatte, straffte seine Schultern und trat ein.

 „Oh, Darian. Wie schön, dass Sie heute noch erscheinen.“ Das süßliche Gift, das ihm wie klebriger Zuckerguss frostig ins Ohr drang, stammte von niemand Geringerem als seiner Chefin. Die Chefin, die sich diesen Vorgang vermutlich gerade bildlich vorstellte und daraufhin genüsslich mit der Zunge schnalzte. „Ich komme – wie immer – zu der Zeit, zu der meine Arbeit beginnt“, krächzte Darian, der bei ebendemselben Gedanken eine ganz trockene Kehle bekam. „Sehr wohl. Würden Sie mir bitte in mein Büro folgen? Lassen Sie die Tür offen stehen. Sie wissen ja, dass frische Luft das A und O einer kompetenten Führungskraft ist.“ Sie lachte, als bliebe ihr der Witz in der Kehle stecken, als könne sie sich greifen und halten, was auch immer sie wollte. Und was sie gerade wollte, war – ganz offensichtlich -, dass jeder mitbekam, was sie ihm zu sagen hatte.

„Dem Büro ist aufgefallen“, eine ihrer liebsten Redewendungen, um den Zusammenhalt der anwesenden Mitarbeiter vorzutäuschen, „dass Ihre Analysen zu wünschen übrig lassen.“ Sie schwieg und ließ die Worte im Raum herumschwirren, bis sie ihnen – großzügig, wie sie war – die Freiheit schenkte und sie durch die Tür nach draußen entkommen konnten. „Es ist bereits Ende November. Ich muss Ihnen nicht erklären, dass die letzten Monate im Jahr die wichtigsten sind. Schließlich ist bald Weihnachten. Und Sie wissen, dass wir diese Gelegenheit ausschlachten müssen, wenn wir uns im nächsten Jahr vergrößern wollen, nicht wahr?“ Der erhöhte Ton in ihrer Stimme blieb in der Luft hängen und klingelte geradezu in seinen Ohren, die langsam rot wurden. „Das verstehe ich nicht“, begann Darian vorsichtig, während er das flaue Gefühl in seiner Magengegend zu ignorieren versuchte. „Was genau fehlt meinen Analysen?“

Mit einem gewinnenden Lächeln, das weniger ihr Wohlwollen, sondern ihren Sieg zu verkünden schien, lehnte sich seine Chefin in ihrem Stuhl zurück und nahm gemütlich ein Dossier vom Tisch, das seinen Namen trug. Sie öffnete es und las laut vor: „Den Kunden gefällt der Service nicht“, wobei sie „Kunden“ und „nicht“ betonte, um schon kurze Zeit später Darian zu beäugen, als sei sie in Festtagsstimmung. Dabei wirkte selbst ihr Lächeln, als wollte es die Flucht ergreifen. „Wie soll ich es bloß ausdrücken“, fuhr sie fort. Sie warf ihren Blick an die Decke des Raumes und ihre Gesichtszüge verzogen sich zu einem faltigen Ganzen, welches wohl Nachdenklichkeit bezeugen sollte. Alles, was bei Darian ankam, waren Kopfschmerzen. Und ein feuriger Widerwille, der seine gesamte Wachstumswut in seinem Brustraum austobte. Wann endete diese Farce? „Oh ja, richtig“, riss sie ihn aus seinen Gedanken, „Ihren Analysen fehlt eine gewisse … Gründlichkeit. Sehen Sie, ich kann Sie bestens verstehen. Als ehemaliger Lagerist ist Ihnen sicher eine gewisse … Schlichtheit eigen, die nun Ihre Ausdrucksweise angreift. Stattdessen legen Sie uns all diese Balken und Zahlen vor. Doch darin liegt nichts Aussagekräftiges, finden Sie nicht auch?“ Ein steter Verlust an Kunden halte ich sehr wohl für aussagekräftig. Er verkniff es sich, dies laut auszusprechen.

„Bringen Sie Ihren Enthusiasmus ein. Zeigen Sie, wie sehr Sie zum Büro gehören wollen. Strengen Sie sich mehr an!“ Ihr Ton schien neue Höhen zu erreichen. „Sie sind doch kein Lagerist mehr, nicht wahr?“ Sie spuckte das Wort aus, als sei es etwas Verwerfliches. Darian musste seine Wut, die sich bereits bis zu seinem Hals hochgefressen hatte, hinunterschlucken. Ein zu großer Bissen, der festzustecken drohte, sollte man ihn nicht bald mit einem Glas Wasser beglücken. „Oh, meine Güte, geht es Ihnen gut? Sie sind ja völlig bleich!“ Mit einer Besorgnis in den Augen, die ein Serienkiller imitieren musste, wenn er feststellte, dass er seine Beute nicht länger quälen konnte, beugte sie sich vor. Ihr ungewohntes Parfüm brannte ihm in der Nase und unwillkürlich zog Darian seine Nase kraus. „Ich weiß es!“, rief seine Chefin aus. „Lageristen sind diese frische Luft nicht gewöhnt! Das erklärt so einiges!“ Ein zufriedenes Lachen entstieg erschrocken ihrer Kehle. Auch Darian zuckte bei diesem Anblick kurz zusammen. „Ich freue mich, dass Sie so aufnahmefähig sind. Sie dürfen nun gehen. Schließen Sie bitte die Tür hinter sich.“ Zweimal ließ sich Darian das nicht sagen.

Auf dem Weg zu seinem Schreibtisch fasste Darian schließlich eine Entscheidung; simpel, effektiv und vor allem lebensnotwendig: Ich brauche eine Zigarette. Ohne auf die sensationsgierigen Augen seiner Kollegen zu achten, die sich unentwegt in seinen Rücken bohrten, rauschte Darian auf die Hintertür zu, seine Zigaretten bereits in der Hand. Einem Kettenraucher würde dies niemand verbieten.

Wütend und erniedrigt warf sich Darian gegen die heiß ersehnte Tür, die den Blick auf einen kleinen Park freilegte. Dieser gehörte nicht der Firma, für die er arbeitete, sondern der hiesigen Gemeinde. Aufgrund der großen, uralten Bäume, die hier ihr Leben fristeten, hatte man den Park unter Denkmalschutz gestellt, was es nicht erlaubte, ihn mit Spielplätzen oder anderen kitschig bunten Strukturen zuzukleistern. Dies sorgte wiederum dafür, dass es weniger Menschen hertrieb. Von Darian abgesehen, natürlich. Doch quietschbunten Farben begegnete er in letzter Zeit ohnehin nicht mehr. Seine Schicht dauerte an, bis es dunkel war, und auch im Büro trugen alle nur Grau oder Schwarz. Sogar der Teppichfußboden war grau. Und dann waren da noch diese neumodischen Apple-Geräte, die er nicht nur nicht verstand, sondern deren Hülle ebenfalls von Silber umgeben war, was so gut wie Grau war. Auch auf dem Bildschirm waren nur Schwarzweiß-Bilder zu sehen. Manchmal fragte er sich, ob seine Augen nachgelassen hatten. Doch jetzt, als er einen grauen Stein nach dem anderen mit einem Tritt über den Weg jagte, war wenigstens das ein oder andere braune Blatt dabei. Er machte sich nicht die Mühe, einmal nach oben zu sehen. Dort gab es nichts, das er nicht schon gesehen hatte.

Als er so durch den Park schlenderte und von seiner Zigarette kaum noch ein Stummel übrig war, überlegte er sich, wie er diesen am besten beseitigen konnte. Dies war jedoch nicht so einfach, denn Aschenbecher wurden in Parks grundsätzlich nicht verteilt und auch Mülleimer waren weit und breit nicht zu sehen(, wo er übrigens auch gerne seine Analysen hineingestopft hätte). So ein Miststück. Genau zu diesem Zeitpunkt, als seine Frustration die Oberhand gewann, passierte er zwei Fliegenpilze, die ihn buchstäblich Rot sehen ließen. Die Neuronen in seinem Gehirn verknüpften sich und führten zu einem Kurzschluss, auf den er nicht vorbereitet gewesen war. Er ließ sich vor den Fliegenpilzen in den vormittäglichen Tau plumpsen, köpfte einen davon und drückte auf der Innenseite seine noch glühende Zigarette aus, bis es zischte. Und aus irgendeinem Grund, den er selbst nicht so richtig verstand, neigte er seinen schweren Kopf nach vorne. Ein anschwellendes Kribbeln breitete sich in seinem Kopf aus und für wenige Sekunden zitterten seine Hände. Doch die Gedanken verloren sich bereits in unzähligen Verhedderungen und plötzlich war da nur noch der Hut des zweiten Fliegenpilzes, in dem er seine Zähne versenkte. Himmel, schmeckte das scheußlich!

Sein Körper folgte einem Fluss, in dem Teile seiner Selbst zu versiegen schienen, als ihn jemand mit filigranen, kalten Fingern am Kragen packte und wie einen nassen Sack aus dem Wasser zog. Unsanft regte sich ein anderer Strom in seinem Inneren, bis eine Stimme an ihn herantrieb, viel zu schnell und viel zu laut für seine vibrierenden Ohren: „Du mieser Wicht! Das ist mein Pilz!“

Über Naomi

Schon während meines Masterstudiums in Literatur- und Sprachwissenschaft begann ich, meine ersten Ideen zu präzisieren und meine Begeisterung in das wundersame Terrain der Spiritualität fließen zu lassen. Parallel zu meiner damaligen Tätigkeit als kreative Texterin entdeckte ich schnell die Brücke, die Kreativität und Spiritualität miteinander verbindet. Heute habe ich meinem Herzenswunsch nachgegeben und setze meine eigenen Visionen, Ideen und Flausen um, wie Du unschwer erkennen kannst! ;-)

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