Kleine Schritte: ein Haiku schreiben

Dein nächstes Projekt liegt bereits vor Dir? Und es ist ein großes? Völlig anders als Deine anderen Projekte? Und obwohl Du von Deiner Idee absolut überzeugt bist und Du Dein Projekt schon beinahe im fertigen Zustand erträumen kannst, fehlt Dir der alles einleitende Anfang?

Wenn Du Dich nicht dazu aufraffen kannst, mit Deinem Projekt zu beginnen, kann das viele Gründe haben. Desto länger Du Deinen Einsatz jedoch hinauszögerst und darauf wartest, dass etwas geschieht, umso weniger kreative Gedankengänge produzierst Du. Und diese kreativen Gedankengänge benötigst Du letztendlich, um den passenden Einstieg für Dein Projekt zu finden. In solch trüben Zeiten kann Dir ein Haiku behilfreich sein.

In dem folgenden Beitrag stelle ich Dir das Haiku als Gedichtform vor und erkläre Dir einleitend, inwiefern Dir das Haiku als Motivator nützlich sein kann. Daraufhin zeige ich Dir, wie Du in 5 Schritten Deine kreative Motivation aufbauen kannst.

Erholsame Entfaltung beim Schreiben eines Haikus
Mit unserer inaktiven Kreativität verhält es sich wie mit einem schlafenden Drachen. Wecken wir ihn und lassen ihn sein unberechenbares Feuer entfachen oder bleiben wir auf Distanz – nur so zur Sicherheit? Vielleicht möchten wir ihn auch nur noch ein wenig länger betrachten und ihm ein Haiku widmen.

Das Haiku: mein kleiner Motivator

Als ich vor wenigen Monaten selbst in die oben beschriebene Bredouille kam, bin ich auf einen kleinen Motivator gestoßen, den ich Dir gerne vorstellen möchte: das Haiku. Das Haiku ist ein kurzes Gedicht, das in drei Zeilen einen gegenwärtigen Augenblick verewigt, in einfacher Sprache und ohne Verschlüsselungen. Es beschreibt einen mit den Augen aufgefangenen bzw. vorstellbaren Moment und gibt dem Leser die Möglichkeit, ihn auf seine eigene Art und Weise zu erleben, dabei eigene Gefühle und Gedanken zu entwickeln; auch noch lange nach der Lektüre. Ein eher untraditionelles Beispiel könnte wie folgt lauten:

Es träumen frohe
Geister an der Lohe, zum
Klang der Oboe.

Warum ein Haiku?

Das Schöne am Haiku (und das Entscheidende bei der Wahl dieser Gedichtform) ist seine Kürze, welche einen wunderbaren Kontrast zu Deinem Großprojekt darstellt. Es ist schnell geschrieben und bereitet aufgrund seiner Übersichtlichkeit nur kaum bis gar kein Kopfzerbrechen.

Im Grunde willst Du endlich mit Deinem Großprojekt beginnen, weil es auf Deiner Prioritätenliste ganz oben steht. Warum solltest Du stattdessen ein Haiku schreiben? Ganz einfach! Weil es schnell geht und Dir den benötigten Zugang zu Deiner kreativen Geisteshaltung erschließt! Du beginnst mit dem Haiku, weil es klein ist und kaum Aufwand verspricht. Und während Du formulierst und an diesem kleinen Dreizeiler herumdoktorst, befindet sich Dein Geist bereits in den Gefilden Deiner Kreativität.

Hinzu kommt, dass Du Dich ganz besonders darüber freust, wenn Dir das Haiku gelungen ist. Du hattest somit einen kleinen Erfolgsmoment, der nicht nur Deine Kreativität anregt, sondern auch Deine Lust verstärkt weiterzuschreiben – zum Beispiel an Deinem Großprojekt.

5 Schritte zur kreativen Motivation

Während der folgenden 5 Schritte wirst Du feststellen, dass der Abschnitt, in dem es um das Schreiben des Haikus geht, einen relativ kleinen Teil dieser 5-Schritt-Lösung einnimmt. Viel wichtiger ist nämlich zu verstehen, worauf es beim Schreiben dieses Gedichtes ankommt. Zwar sind gewisse Vorgaben nötig, doch es ist vor allem Deine eigene Kreativität gefragt. Wie Du diesen kreativen Prozess dann auf Dein Großprojekt übertragen kannst, zeige ich Dir zum Schluss.

1. Das Haiku verstehen

Bevor Du mit Deinem eigenen Haiku beginnst, ist es ratsam, Dich zunächst mit der Form des Gedichtes näher auseinanderzusetzen.

Das Haiku stammt ursprünglich aus Japan[1], wo es zunächst während vergnüglicher Zusammenkünfte in der sogenannten Kettendichtung auftauchte. Die Kettendichtung besteht aus mehreren Teilen, von denen der erste Teil den Inhalt der Dichtung vorgibt. Der zweite Teil knüpft an diesen Inhalt an und obwohl der dritte sich wiederum auf den zweiten Teil bezieht, hat er nichts mehr mit dem ersten Teil zu tun. Dabei darf kein Teil dem anderen gleichen. Die Bezeichnung „Haiku“ entwickelte sich aus dem ersten Teil dieser Dichtung, genannt „Hokku“.

Das Haiku selbst beschreibt nach traditionellen Maßstäben beobachtete Vorkommnisse in der Natur[2]. Diese Vorkommnisse spielen in der Gegenwart und scheinen auf etwas hinzuweisen, was zwischen den Zeilen liegt, ohne irgendwelche Verschlüsselungen zu verwenden. Oft wird mit einem Haiku auf eine Jahreszeit hingewiesen[3]. Das folgende Haiku dürfte als Beispiel dienen:

Auf Blumenblüten
toben bunte Geschöpfe.
Kühlend bläst der Wind.

2. Die Regeln einhalten

Das Haiku ist immer häufiger mit leichten Abweichungen vom Regelwerk anzutreffen. Vor allem übersetzte Haikus wirst Du nicht im gewohnten Format zu lesen bekommen. Hinzu kommt, dass die dichterische Freiheit immer weiter in den Mittelpunkt rückt.

Wenn Du Dein Haiku nach eigenen Bedingungen gestalten möchtest, kannst Du dies selbstverständlich tun. Warum rate ich davon aber ab? In meinem gegenwärtigen Blogbeitrag geht es mir darum, dass Du Dich völlig im kreativen Prozess verlierst. Mit gewissen Regeln gelangst Du in eine Tüftelphase, während der Du möglichst nach passenden Worten suchen musst. Sollte Dein eigenes Projekt auch einem bestimmten Regelwerk unterliegen, aktivierst Du mit dieser Vorgehensweise all die richtigen Prozesse in Deinem Kopf.

Zudem gibt Dir das Regelwerk die Möglichkeit, Dich mehr mit dem deutschen Wortschatz auseinanderzusetzen. Wenn dies eines Deiner Ziele ist, solltest Du ebenfalls bei den Regeln bleiben.

Und dies sind die Regeln des Haikus:

Das Haiku besteht aus drei Zeilen, deren Länge durch eine vorgegebene Anzahl von Silben bestimmt wird. Während in der ersten (1) und letzten (3) Zeile fünf Silben verarbeitet werden, sind für die zweite und mittlere (2) Zeile sieben Silben festgelegt worden. Weiterhin wird das Gedicht in der Zeitform Präsens beschrieben. Dies möchte ich Dir an dem folgenden Beispiel zeigen:

(1) Un-term schwe-ren Lid
(2) for-men sich dun-kle Brü-cken,
(3) als der Traum aus-zieht.

Wie Du siehst, habe ich die Silben mit Bindestrichen und Leerzeichen getrennt. In der ersten und dritten Zeile habe ich jeweils fünf Silben verwendet, in der zweiten Zeile insgesamt sieben. Zudem habe ich die erste und letzte Zeile durch einen Endreim miteinander verknüpft, was es traditionell gesehen jedoch nicht gibt, genauso wenig wie Überschriften[4].

3. Die Möglichkeiten abwägen

Grundsätzlich ist es unerheblich, ob Du Deinem Haiku Reime oder ähnliche Stilelemente verpasst, in welcher Konstellation oder Ausformung. Ob ein solches Element nötig ist, entscheidet allein Dein persönliches Geschmacksempfinden. Indem Du Deine Entwürfe laut vorliest, findest Du leicht heraus, ob Du Dein Haiku noch verfeinern willst.

Hans-Peter Kraus empfiehlt weiterhin, Dich einfach auszudrücken und das Ereignis so darzustellen, dass es für den Leser nachvollziehbar ist[5]. Wichtig sei dabei jedoch, eine Wertung außen vor zu lassen, damit der Leser seine eigenen Gedanken entwickeln kann. Auch Metaphern oder andere Verschlüsselungen sollten außen vor bleiben, damit das Haiku authentisch wirkt und Du nicht den „Künstler“ in den Mittelpunkt drängst. Schließlich gehe es dabei um den Moment selbst, den der Dichter sieht. (Wie Du bestimmt bemerkt hast, gehe ich bei meinen Haikus weniger traditionell vor. Es obliegt Dir, Deine Art des Haikus zu wählen.)

4. Das Haiku schreiben

Jetzt bleibt Dir nichts weiter zu tun, als Dein Haiku zu schreiben. Wenn Du Dir nicht sicher bist, worüber Du schreiben sollst, kann ich Dir nur empfehlen, Deinen Blick schweifen zu lassen. Dort, wo Dein Blick hängen bleibt, befindet sich Dein zu beschreibender Moment. Das kann ein chaotisch zusammengewürfelter, ungelesener Bücherstapel sein oder der winterliche Ausblick Deines Fensters. Wenn Du jedoch bei den Ursprüngen des Haikus bleiben möchtest, kannst Du auch hinaus in Deinen Garten blicken oder einen Park- bzw. Waldspaziergang unternehmen. Dort finden sich sicherlich die richtigen Bilder, die zum Nachdenken anzuregen vermögen und etwas in Dir wachrufen, das Du weitergeben möchtest. Wenn Du Dir jedoch auch eine naturhafte Szenerie vorstellen kannst, ist das genauso gut.

5. Den Schreibfluss übertragen

Wie fühlst Du Dich, nachdem Du Dein erstes Haiku geschrieben hast? Gefällt es Dir? Möchtest Du bereits mit Deinem Großprojekt loslegen? Vielleicht juckt es Dir auch in den Fingern, Dein nächstes Haiku zu schreiben?

Sollte Dich noch keine Schreibmotivation gepackt haben, gibt es drei Möglichkeiten, nach denen Du verfahren kannst:

  1. Wenn Dein Bauchgefühl Dir zuraunt, dass heute kein Tag für kreative Aktivitäten ist, kannst Du Dein Schreibmaterial einfach beiseite legen und es morgen noch einmal probieren.
  2. Sollte dieses ominöse Bauchgefühl jedoch nicht auftreten, rate ich Dir, das von Dir geschriebene Gedicht einmal auf Dich wirken zu lassen: Lese es laut vor und lausche seinem Klang. Denke über die Worte nach, die Du für Dein Haiku gewählt hast. Lösen sie ein Gefühl in Dir aus? Fällt Dir etwas ein? Manchmal sollten wir uns einfach in die Rolle des Lesers versetzen. Nicht nur, um zu sehen, wie unsere Texte bei unseren Lesern ankommen und was sie sehen und fühlen, wenn sie Deine Texte lesen, sondern auch, weil Autoren auch genießen dürfen!
  3. Wenn Du Dich schwer damit tust, Deinem Gedicht etwas Stichhaltiges zu entlocken, bist Du möglicherweise einfach nicht in nachdenklicher Stimmung. Wie wäre es, wenn Du in die Vorzüge der aktuellen Jahreszeit hineinschnupperst und ein Weihnachtsgedicht schreibst? Hier lockert sich das Regelwerk nicht nur auf, sondern Du schaffst auch etwas Schönes, das Du zu Weihnachten mit Deinen Liebsten teilen kannst.

So klein das Haiku auch ist, so viel steckt in ihm. Bevor Du mit Deiner eigenen Dichtung beginnst, möchte ich noch einen interessanten Sachverhalt mit Dir teilen.

Genau genommen ist das Haiku, …

… das wir aus 17 Silben formen, kein Haiku. Im Japanischen werden nämlich keine Silben, sondern Laute gezählt[6], die sich von den westlichen Lauten auch noch unterscheiden. Während Gruppen von 5 und 7 Lauten typisch für japanische Gedichte sind, gelten in unserer westlichen Literatur ganz andere Traditionen. Dabei entscheidet nicht allein der Lautrhythmus darüber, ob es sich tatsächlich um ein Haiku handelt, sondern auch der Inhalt. Artifizielle Objekte, Städte oder gar Menschen werden traditionell ausgeschlossen!

Ob Du versuchst, die japanischen Richtlinien einzuhalten, die auf die deutsche Sprache kaum anzuwenden sind, oder das Regelwerk der adaptierten, deutschen Haikus übernimmst, liegt bei Dir. Du bist der Künstler Deiner Texte. Wofür Du Dich entscheidest, hängt immer mit Deinem Ziel zusammen, ein Haiku zu schreiben. Das Ziel, das dieser Blogartikel vorgibt, ist es, in den Schreibprozess hineinzurutschen und Deine kreativen Antennen zu weiten, damit Du unbekümmert und motiviert Deinen Schreibprojekten frönen kannst.

[E]in Haiku [lebt] davon, nach drei Zeilen überhaupt erst anzufangen.

Kraus, Hans-Peter: Haiku schreiben. In: Haiku heute (Online), Stand: 12.12.2019.

Lasse mich gerne wissen, auf welche Weise Du Deine Haikus am liebsten schreibst und wie sich Deine Motivation fürs kreative Geschehen entwickelt. Ich bin gespannt!


[1] Vgl. o.V.: Kleine Geschichte des Haiku. In: Haiku heute (Online), Stand: 12.12.2019.

[2] Vgl. o.V.: Haiku. In: Sandras Schreib- und Lernwerkstatt (Online), Stand: 12.12.2019.

[3] Vgl. o.V.: Grundbegriffe. In: Deutsche Haiku-Gesellschaft e.V. (Online), Stand: 12.12.2019.

[4] Vgl. o.V.: Das Haiku. In: Haiku heute (Online), Stand: 12.12.2019.

[5] Vgl. Kraus, Hans-Peter: Haiku schreiben. In: Haiku heute (Online), Stand: 12.12.2019.

[6] Vgl. ebd.

Über Naomi

Schon während meines Masterstudiums in Literatur- und Sprachwissenschaft begann ich, meine ersten Ideen zu präzisieren und meine Begeisterung in das wundersame Terrain der Spiritualität fließen zu lassen. Parallel zu meiner damaligen Tätigkeit als kreative Texterin entdeckte ich schnell die Brücke, die Kreativität und Spiritualität miteinander verbindet. Heute habe ich meinem Herzenswunsch nachgegeben und setze meine eigenen Visionen, Ideen und Flausen um, wie Du unschwer erkennen kannst! ;-)

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