„Für jede Lösung ein Problem“ von Kerstin Gier

In meinem kurzen Ausblick für 2019 versprach ich Dir eine Rezension zu einem äußerst unterhaltsamen Buch, das „durchdacht“ und „auf eine köstliche Art und Weise erheiternd“ ist. Dieses Versprechen will ich selbstverständlich halten, somit: Bittesehr!

„Für jede Lösung ein Problem“ beschreibt auf lockerleichte Weise Gerris misslungenen Selbstmordversuch, nachdem bereits alle Abschiedsbriefe auf dem Weg zu ihren Empfängern sind. Lebhaft deutet Kerstin Gier darauf hin, wie wichtig es ist, sich nicht mit dem Zweitbesten zufriedenzugeben und darauf, wie gut es tut, endlich mal allen die Meinung zu sagen. Lies weiter, wenn Du ein wenig schwarzen Humor verträgst!

Kerstin Giers Roman „Für jede Lösung ein Problem“

Wie selbst gründlichstes Planen schiefgeht …

Positivdenken ist, so betrachtet, eine absolut idiotensichere Methode der Problemlösung. Selbst dann, wenn es den Gesetzen der Logik zur Folge eigentlich gar keine Lösung gibt, so unlogisch das auch klingen mag.

Gier, Kerstin: Für jede Lösung ein Problem. Köln: Bastei Lübbe 2007, S. 36.

Gerri, die als Schriftstellerin für die Heftromanreihe „Norinna“ beim Aurora Verlag tätig ist, sieht keinen Sinn mehr in ihrem Leben: Ihre Familie schämt sich für ihren Beruf und erzählt Verwandten und Freunden, sie betreibe ein Schreibbüro, um dem Gerücht, sie schreibe Pornos, vorzubeugen. Ihr Verlag droht, sie aus Umstrukturierungsgründen zu entlassen und auch der Traummann ist noch nicht um die Ecke gebogen. Dass sie nicht mehr jünger wird, versteht ihre Familie ihr bestens aufs Auge zu drücken.

Pragmatisch, wie Jungfrauen laut Horoskop eben sind, beginnt sie mit ihren Analysen und entscheidet, dass es als Neurotisch-Depressive nur Vorteile mit sich bringt, sich umzubringen. Als ihr zusätzlich die noch verpackten Schlaftabletten ihrer Mutter in die Hände fallen, die sie für die Menschen in der Dritten Welt bei der Apotheke abliefern soll, ist jeder Zweifel wie weggefegt:

Sie übt ordentlich das Wodkatrinken (während sie ihre Abschiedsbriefe schreibt), kauft sich ein wunderschönes rotes Kleid und bucht ein Zimmer in einem teuren Hotel. Schließlich muss sie auch an denjenigen denken, der sie im Nachhinein findet. Bevor sie es sich mit Tabletten und Wodka gemütlich machen will, beschließt sie, ihr neues Kleid ein letztes Mal in der Hotelbar zur Schau zu stellen. Doch hier beginnen die außerplanmäßigen Probleme.

Sie trifft auf den betrunkenen und sehr anhänglichen Freund Ole, der seine Frau auf Betrugsverdacht hin bis zur Bar verfolgt hat und diesen dort bestätigt vorfindet. Ole weiß den Selbstmordversuch auf ungeahnte Weise zu verhindern. Für die Abschiedsbriefe ist es jedoch schon zu spät.

Gerri muss sich nicht nur dem leeren Bankkonto stellen, sondern auch den Herausforderungen, die sich durch ihre aufgebrachten Verwandten und Bekannten anbahnen. Denn sie war ausnahmslos ehrlich. Zu jedem Einzelnen von ihnen. Auch zu ihrem neuen Cheflektor, der nun weiß, was sie von seiner Schreibkompetenz hält, wie viele Bleistifte unter ihren Busen passen (nicht einer!) und dass sie seinen grünen Augen nicht widerstehen kann.

Ein Erlebnis jagt das nächste …

Mit einem Abschiedsbrief an die BILD-Zeitung steigt die Autorin in den Roman ein. Wie beiläufig stellt sie die Fakten zu ihrem Selbstmord klar. Auf dieser einen Seite schafft es die Autorin, Dich als Leser zu packen und Dir zu zeigen, was Dich erwartet. Die Abschiedsbriefe erscheinen anschließend nach jedem einzelnen Kapitel und lockern den Fließtext auf provokative Weise auf. Im späteren Verlauf folgen sogar Antworten.

Das Buch führt Dich durch einen desaströsen Tunnel etlicher Momente der Fassungslosigkeit und lässt Dich öfter auflachen, als Du es für möglich hältst. Wenn Du einmal einen Blick auf das allsonntägliche Familientreffen geworfen hast, wirst Du Gerris Verzweiflung durchaus nachempfinden können. Allein der Charakter ihrer Mutter, die all ihren Haushaltsgeräten Namen gibt und dann die Namen ihrer Töchter nicht auseinanderhalten kann, sich dabei ständig widerspricht, befindet sich irgendwo zwischen ungläubigem Vergnügen und bodenloser Qual:

„Die [Tabletten] lasse ich mir grundsätzlich in der Vorweihnachtszeit verschreiben“, sagte meine Mutter. […] „Die Schachtel ist noch zu“ […] „Natürlich“, sagte sie streng. „Hast du mal gelesen, was solche Mittel für Nebenwirkungen haben? Man kann ganz schnell davon abhängig werden. Ich würde so was niemals nehmen, und dein Vater auch nicht.“

Gier 2007, S. 21f.

Jeder Charakter verfügt über eine einzigartige Eigenschaft: Gerris Mutter fühlt sich für die Prävention jeglicher Gerüchte in der Familie verantwortlich, Freundin Caroline bemüht sich nach ihrem dritten Kind nicht mehr um Kommas und Punkte und Ole verfügt über mehr Fantasie, als ihm guttut. Allen dreien ist jedenfalls gemeinsam, dass sie Gerri nicht zu Wort kommen lassen.

Dabei verfügt ihr Familien- und Freundeskreis über die spezielle Fähigkeit, sich sämtliche Informationen (falsch) zusammenzureimen. So auch, als Gerri ihre kommende „Abwesenheit“ fürs nächste Kochwochenende ankündigt:

„Oho“, sagte Marius. „Gerri hat ein Date!“ […] Ein Redevouz mit dem Tod. Wie in dem Film mit Brad Pitt. Rendezvous mit Joe Black. […] „Und was ist er von Beruf[, dein Joe]“, wollte Ole wissen.

„Er ist, äh, ein hohes Tier im, äh, also, die stellen Sensen her und so was“, sagte ich. „Rasenmähermesser?“, fragte Marius. Ich schüttelte den Kopf. „Mehr so altmodische … Klingen.“

Gier 2007, S. 91.

Damit gelingt es der Autorin, auf überraschende und vergnügliche Art und Weise das im Grunde ernste Thema bis ins Detail lockerleicht aufzubereiten. Ihre Formulierungen setzt sie raffiniert in Szene: „Überall im Raum waren die Vorlieben meiner Mutter […] zu erkennen. Und für Leoparden. […] Unsere Familie traf sich jeden Sonntag in diesem Raubtierkäfig zum Mittagessen.“ (Gier 2007, S. 15).

Spannend ist eigentlich jede Szene. Somit kommt das Ende des Buches beinahe unverhofft. Nach dem Klappentext hatte ich „echte Katastrophen“ oder wenigstens mehrere kleinere erwartet. Bis der Selbstmordversuch stattfindet, dauert es nämlich eine Weile. Stattdessen erfährst Du als Leser genau, welche Ereignisse zu dem ominösen Versuch führen, ohne dass der Roman an Spannung verliert.

Beim zweiten Lesen fiel mir das schnelle Ende allerdings gar nicht mehr auf. Kein Wunder: Es war schließlich ein Ende nach meinem Geschmack. Oder sollte ich sagen, dass es hammerhart war? (Wenn Du das Buch gelesen hast, wirst Du wissen, was ich meine.)

Dass auf dem Cover ein weißes Kleid mit rosaroten Blüten zu sehen ist, hat mich jedoch verwundert. „Hallo?“ (Gier 2007, S. 227), würde Gerri jetzt ausrufen. Passender hätte ich ein rotes Kleid gefunden, wie es im Buch beschrieben wird. Vermutlich lässt sich dieser Tatbestand ebenso wie der Austausch der Schlösser an ihrer neuen Wohnungstür mit „etwas […] Feng Shui“ (Gier 2007, S. 261) erklären.

Ein Fest für Frauen

Damit Dir „Für jede Lösung ein Problem“ genauso gut gefällt wie mir, solltest Du eine Liebhaberin des schwarzen Humors sein. Außerdem solltest Du es leicht nervenaufreibend und romantisch mögen. Auch, wenn es nicht im Stil der „Ärzteromane und Liebesschnulzen, so billige Heftchen halt“ (Gier 2007, S. 18) geschrieben ist, ist das Buch immer noch aus der Sicht einer Frau geschrieben worden. Und diese Frau hat zu Beginn des Buches noch keinen Mann gefunden.

Informationen zum Buch

Titel: Für jede Lösung ein Problem
Autorin: Kerstin Gier
Veröffentlichung: 2007, Originalausgabe
Verlag: Bastei Lübbe
Länge: 304 Seiten
Preis: 9,90 €
ISBN: 978-3-404-15614-6

Mein abschließendes Fazit

Ich empfand den Roman als so mitreißend, dass ich ihn für diese Rezension nicht nur im zweiten Durchlauf überflogen, sondern ihn gleich noch ein zweites Mal von vorne bis hinten gelesen habe und trotzdem noch ständig lachen musste (auch im Bus). „Für jede Lösung ein Problem“ gehört damit definitiv zu meinen Lieblingsromanen.

Wenn Dir Deine Mutter also jemals kichernd ein Buch reicht, das sie von Dir zum Geburtstag geschenkt bekommen hat, und es mit den Worten „Lies das auch mal! Echt hammerhart!“ kommentiert, darfst Du davon ausgehen, dass sich die Lektüre lohnt!

Mit ein wenig schwarzem Humor und einem Hang für haarsträubende Situationen wirst auch Du dieses Buch lieben! Und irgendwie hat Kerstin Gier mit ihrer Aussage, die sie in der Antwort von Großtante Hulda versteckt, völlig recht:

Versuche zu kriegen, was du liebst, sonst bist du gezwungen, das zu lieben, was du kriegst.

Gier 2007, S. 283.

Aus kreativer Sicht möchte ich Dir abschließend noch einen Tipp mit auf den Weg geben: So, wie Dich tolle Bücher thematisch inspirieren können, verbessert sich auch Dein eigenes Schreiben, wenn Du viel und vor allem gut geschriebene Texte (im Sinne des Stils und der Orthographie) liest! „Für jede Lösung ein Problem“ ist – so sei versichert – einer dieser Texte.

Über Naomi

Schon während meines Masterstudiums in Literatur- und Sprachwissenschaft begann ich, meine ersten Ideen zu präzisieren und meine Begeisterung in das wundersame Terrain der Spiritualität fließen zu lassen. Parallel zu meiner damaligen Tätigkeit als kreative Texterin entdeckte ich schnell die Brücke, die Kreativität und Spiritualität miteinander verbindet. Heute habe ich meinem Herzenswunsch nachgegeben und lebe mein kreatives Dasein sowohl als Volontärin in der Verlagsredaktion als auch bei der Umsetzung meiner eigenen Visionen, Ideen und Flausen, wie Du unschwer erkennen kannst! ;-)

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